Da trat ihm ein Mann entgegen und kämpfte mit ihm bis zum Morgengrauen. Als der andere sah, dass sich Jakob nicht niederringen liess, gab er ihm einen Schlag auf das Hüftgelenkt, so dass es sich ausrenkte. Dann sagte er zu ihm: „Lass mich los; es wird schon Tag!“ Aber Jakob erwiderte: „Ich lasse dich erst los, wenn du mich gesegnet hast.“ 1. Mose 32, 25-27

Jakob, ein Mann aus dem ersten Buch der Bibel, kämpft mit Gott. So zumindest die Überschrift der Geschichte. Doch wenn wir die ganze Geschichte lesen, sehen wir, dass es nicht ganz klar ist, ob es wirklich Gott in Menschenform war, sprich Jesus, ein Engel oder eine Art göttlicher Botschafter. Fakt aber ist, sie kämpfen stundenlang an einem Fluss und bei Tagesanbruch sagt der Mann zu Jakob: „Lass mich gehen!“ Doch Jakob erwidert: „Erst wenn du mich gesegnet hast.“ Dann fragt der Mann ihn: „Wie ist dein Name?“ Als ob dieser Engel oder diese Gotteserscheinung in menschlicher Gestalt nicht wüsste, wie Jakob heisst. Doch um diese Frage zu verstehen, machen wir einen Schritt zurück in der ganzen Geschichte. Jahre zuvor versuchte nämlich dieser Jakob seinen Vater zu täuschen, indem er sich als sein älterer Bruder Esau ausgab. Denn zur damaligen Zeit segnete der Vater den älteren Sohn und gab ihm zwei Drittel des Erbes. Jakob aber wollte als Zweitgeborener den Segen und das Erbe des Erstgeborenen. So gab er sich bei seinem fast blinden Vater als Esau aus. Jakob versuchte jemand zu sein, den er nicht war. Und jetzt kämpft er am Fluss mit einem Engel und dieser fragt ihn: „Wie ist dein Name?“ Anders gesagt fragt ihn Gott: „Wer bist du? Bist du Jakob oder versuchst du immer noch Esau zu sein?“

Wie oft haben wir schon versucht jemand zu sein, der wir eigentlich nicht sind? Anders auszusehen, uns anders zu geben, anders zu verhalten oder anders zu sein als wir sind? Ich denke, dies ist unser grösster Kampf – der Kampf, sich selber zu sein. Ein Ja zu sich selber zu finden. Frieden zu schliessen mit unseren Schwächen und Begrenzungen. Dies war der Kampf von Jakob, der eine Nacht lang dauerte. Unsere Kämpfe dauern manchmal Jahre, wenn nicht ein Leben lang. Der Kampf, den Frieden und das Ja zu sich selber zu finden. Doch warum ist es so matchentscheidend, diesen Kampf immer wieder zu kämpfen? Ganz einfach, weil wir, wenn wir uns so annehmen wie wir sind, zu uns stehen und zu unseren Schwächen und Begrenzungen ein Ja haben. Doch solange wir versuchen jemand zu sein, der wir nicht sind, laufen wir immer wieder in die falsche Richtung und so auch vorbei an dem Segen, den Gott für uns bereit hat.

Du und ich, wir alle haben eine Geschichte, eine Familie und einen Hintergrund. Wir alle haben Dinge getan, die wir bereuen. Wir alle haben Fehler gemacht. Und wo wir gewesen sind in unserem Leben hat uns zu dem Menschen gemacht, der wir heute sind. Doch um weiterzukommen und den Segen in unserem Leben zu finden und freizusetzen, müssen wir uns, unsere Geschichte, unseren Hintergrund und unsere Vergangenheit annehmen. Wir müssen nicht stolz darauf sein, aber wir müssen ein Ja dazu finden. Nur so können wir Frieden finden, Vergebung empfangen, neue Freude sehen und ein Segen für andere sein. Nur wenn wir unsere eigene Geschichte annehmen, das Gute und das Schlechte, können wir die Frage „Wie ist dein Name?“ auch beantworten. Offen, ehrlich und authentisch.

Jakob schaut die Gotteserscheinung an, mit der er gekämpft hat, und beantwortet deren Frage: „Ich bin Jakob.“ Er steht dazu, dass er versucht hat jemand anderes zu sein. Er steht dazu, dass er gelogen und betrogen hat. Jakob, der gekämpft hat und schlussendlich besiegt wurde. Jakob, der kapituliert hat. Jakob, der nicht mehr versucht Esau zu sein. Jakob ist bereit, Jakob zu sein. Bist du bereit, du zu sein? Und dann, genau an diesem Punkt der Geschichte kommt der Wendepunkt im Leben von Jakob: Gott segnet ihn. Gott gibt ihm seine göttliche Bestimmung und macht ihn zum Vater einer Nation, des Volkes Israel. So wird auch Gott dich segnen, weiterführen und dir deine Bestimmung zeigen, wenn du zu dir stehst. Wenn du dein Ja findest und aufhörst jemand anderes zu sein, wirst du Gott finden. Darum ermutige ich dich, ziehe deine Masken ab, steh zu dir, zu deinen Ecken und Kanten und steh wieder vor Gott hin, so wie du bist. Denn Gott fragt auch dich: „Wie ist dein Name?“

„Wie heisst du?“ fragte der andere, und als Jakob seinen Namen nannte, sagte er: „Du sollst von nun an nicht mehr Jakob heissen. Du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gesiegt; darum wird man dich Israel nennen.“ 1. Mose 32, 28&29